Morgens unterm Kronleuchter, mittags auf
dem Gipfel
Auf zum Gipfel!
Es war eine Stimmung wie kurz
vor Aufbruch einer großen Expedition. „Ob Reinhold Messner auch
so empfunden hat, kurz vor seinem ersten Aufstieg?“, überlegte
ich versonnen. Zu viert saßen wir unter dem großen Kristalllüster (der aussah wie aus dem
Warensortiment von kristall-kronleuchter.de in der
Frühstückslounge des Hotels “Alpine Royal“). Eine letzte
Stärkung, in Form eines sündhaft teuren Frühstücks, sollte
uns als Einziges von unserem triumphalen Aufstieg auf den
nahe gelegenen “Col de Lustre“ trennen. „Was schätzt du, wie
lange wir brauchen, bis wir am Gipfel ankommen?“, fragte
mein Schwager, während er an einem Croissant kaute. Auf
diese – scheinbar rhetorische – Frage antwortete ich
wahrheitsgemäß: „Woher soll ich das wissen? Ist schließlich
auch mein erster Trip.“
Eigentlich sollte das Ganze eher ein Wellness
Urlaub werden. Ich, mein Schwager Tom, mein Bruder Frank
und mein Freund Jörg. Wir wollten eigentlich hier im
Zentralmassiv der Alpen ein wenig aus- und entspannen. Die
Idee dazu hatte Jörg. Auch wenn er bereits seit Monaten
nicht mehr rauchte, hatte er sich bereits ein hartnäckiges
Asthma erworben, das ihm auch ohne Zigaretten noch genug
zu schaffen machte. Sein Arzt hatte ihm kurzerhand
Höhenluft verordnet. Und so ergab sich die Initialzündung
für diesen gemeinsamen Trip unter Männern.
Das Hotel lag auf einer Höhe von etwa 700 Metern. Der Ausblick
war wunderbar. Die umliegende Natur schrie gerade zu danach,
erkundet zu werden. Hinzu kam noch, dass das Hotel ziemlich
frequentiert war. Vor allem waren es viele alte Leute mit
Wohlstandswampe, die zur Zielgruppe des “Alpine Royal“ zu
gehören schienen. Jörg kam sich plötzlich richtig alt vor. Wir
zogen in ständig damit auf, ob er sich seine “Frührente“ so
vorgestellt habe. Er nahm es gelassen. Die Höhenluft schien
bereit Wirkung zu zeigen. An diesem Morgen waren wir nun alle
von der Wanderlust gepackt. Wenn wir flott unterwegs wären,
könnten wir noch einige Stunden vor dem Abendessen zurück sein,
wie uns der Maître d’ versicherte.
Gegen halb zehn brachen wir auf. Vor uns lagen 1865 Höhenmeter,
die es zu bewältigen galt. Ein gewundener Pfad führte
durchgehend bis zum Gipfel. Wir waren flotten Schrittes
unterwegs. Hier und da machten wir eine kleine Pause, um das
Panorama zu genießen, was Jörg mit schwächer werdendem
Schnaufen quittierte. Bereits nach einem Drittel des Aufstiegs,
hörten wir keine der Autos mehr, die sich unter uns langsam auf
der Landstraße bewegten. Wie sahen sie zwar, aber es war nichts
zu hören – einfach herrlich. Besonders faszinierend war, wie
sich die Natur um uns herum änderte. Je weiter wir nach oben
vordrangen, desto mickriger wurden die Nadelbäume in ihrem
Wuchs. Die gesamte Vegetation wandelte sich. Vor allem trockene
Gräser, Thymian und Pflanzen, die scheinbar aus dem nackten
Fels wuchsen, prägten die Umwelt um uns herum.
Das letzte Stück hatte es noch mal richtig in
sich. Jedes Mal, wenn man über eine neue Anhöhe des
Bergrückens kam, musste man zähneknirschend feststellen,
dass dies doch noch nicht der Gipfel war, nur um die
nächste Anhöhe wieder als eine weitere Stufe auf dem Weg
zum Gipfel zu erkennen. Gegen 13 Uhr kamen wir auf dem
Gipfel an. Selbst Jörg hatte tapfer bis hierhin
durchgestanden. Das Entzücken in seinen Augen schien ihn
für die kardiovaskulären Belastungen zu entschädigen, die
er während des Aufstiegs über sich ergehen lassen musste.
Wir krönten unseren Aufstieg mit einer Flasche wein und
einigen belegten Broten auf dem Gipfel des “Col de
Lustre“.
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